URAN NACH PLAN
Strahlende Landschaften
Eine Doku über die „Wismut“
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 09.01.08
130 000 Bergleute waren 1951 in der Uranförderung der Wismut AG beschäftigt. Über ihre Arbeit sollte nichts nach außen dringen. Stacheldrahtzäune und Wachtürme sicherten die Gruben bei Johanngeorgenstadt und Aue im Erzgebirge. Die Aufsicht führten sowjetische Offiziere, jede Störung im Betriebsablauf oder die Nichterfüllung des Plans galten als Sabotage. Ein Teil der Belegschaft war zur Wismut, so der Tarnname der sowjetischen, ab 1954 sowjetisch-deutschen Aktiengesellschaft, darunter auch frühere SS-Leute und Kriminelle, zwangsverpflichtet worden. Andere lockten Abenteuer und guter Verdienst. Wie gesundheitsschädlich die Arbeit war, ließ niemand sie wissen. Ganze Dörfer mussten dem Hunger nach Uran weichen, an ihrer Stelle türmten sich, besonders in den später erschlossenen ostthüringischen Abbaugebieten, die kontaminierten Halden.
Als Konrad Wolf 1958 über die wilden Jahre der Wismut den Spielfilm „Sonnensucher“ drehte, musste er vierzehn Jahre auf dessen Aufführung warten. Werner Bräunigs Roman „Rummelplatz“, zu großen Teilen ebenfalls bei der Wismut angesiedelt, fiel 1965 einem Parteiverdikt zum Opfer und konnte erst 2007 postum erscheinen.
„Terra incognita“ nennen darum Joachim Tschirner und Burghard Drachsel, denen wir diese gründliche Darstellung von Geschichte und Nachgeschichte der sowjetischen Urangewinnung auf deutschem Boden verdanken, ihren Film, dessen Vorzüge in der Genauigkeit und unbedingten Authentizität liegen. Am meisten beeindrucken die kompetenten Zeitzeugenaussagen meist ehemaliger Kumpel vor Ort, die keines Kommentars bedürfen. Für zusätzliche Anschauung sorgen propagandistisch eingefärbte Ausschnitte aus damaligen Wochenschauen.
Der zweite Teil musste trockener ausfallen, weil die Verfüllung der 1990 abrupt stillgelegten Stollen und die Renaturierung der kontaminierten Halden zwar eine technische Herausforderung ersten Ranges ist, aber ohne menschliche Tragödien auskommt. Friede senkt sich über das sächsische und thüringische Bergland, Dörfer und Kleinstädte gewinnen ihre Schönheit zurück. Die diesjährige Bundesgartenschau in Gera und Ronneburg, der auch das Bonuskapitel „Neue Landschaften – Von der Vision zur Realität“ gewidmet ist, ließ schon einmal erahnen, wie dieses Kapitel des Kalten Krieges fast glücklich beendet werden könnte – wäre da nicht noch immer die unheimliche Strahlung aus der zerwühlten Erde.